Bezirkskrankenhaus Haar, 1. -3. Juli 1994
Vorgestern Nachmittag bin ich als Synthese meines Hamlets und Pelikans, Schubkarre schiebend übers Gelände meines Ateliers spaziert und hab dieses dann mit unbekanntem Ziel verlassen. An das Gelände anschließend liegen die Isarauen, ein Naherholungsgebiet der Münchner. Hier ging ich weiter, von Passanten aufmerksam beobachtet. Fünfzig Meter bevor ich wieder durch das Gartentürl in unser Gelände eingebogen wäre, hielt ein Auto hinter mir, ein VW-Bus der Polizei. Ein blonder Polizeibeamter hielt mich an und wollte wissen wer ich sei und was ich tue. Durch das Klappern meines Schnabels erklärte ich ihm, dass ich ein Pelikan mit Namen "Hamlet" sei und meines Weges gehen wolle. Ich war auf dem Weg zu Denis' Geburtstagsfest. Kurz und gut, der Beamte hatte mich nicht verstanden. Er forderte mich, auf in seinen Bus zu steigen, nicht ohne meinen Schubkarren, und die Reise begann. Der Beamte hielt mich für einen entsprungenen psychisch Kranken. So fuhren wir in die Teutoburgerstraße zu einer Tag- und Nachtklinik für psychisch Kranke, um den Pförtner zu fragen, ob ich ihm entflogen sei. Dieser verneinte und wir fuhren weiter aufs Revier, begleitet von einen "Grünen" auf Motorrad. Im Revier angekommen wurde ich samt Schubkarren ausgeladen. Ich nahm Platz im Revier und wurde nun von schnauzbärtigen, bayrisch sprechenden Polizisten mit Fragen bedrängt, wie ich heiße, wer ich bin, wo ich herkomme, und und und. Ich blieb ruhig.

Die Vermutungen der Polizisten wurden immer phantastischer; sie imitierten Vogelstimmen, ja sogar ein Schwein, dass mich erschrecken sollte. Es funktionierte aber nicht. Die Zeit verging, neue Kollegen, neue Vermutungen. Während mein Polizist seinen Bericht schrieb und die polizeiliche Einweisung nach Haar veranlasste, wurde ich von anderen Beamten photographiert, fürs Polizei- und Familienalbum. Nach ca. 3 Stunden im Revier kam das Bayrische Rote Kreuz, ein Krankenwagen mit 3 Mann Besatzung. Da ich offensichtlich nicht bösartig war, wurde ich ohne Polizeischutz nach Haar gebracht. Während der Fahrt versuchte der neben mir sitzende Pfleger sein Bestes, um mich zum sprechen zu bringen. Mein Klappern verstand er nicht. Mit einem gut gemeinten :"Gleich sind wir da", erreichten wir Haar, wo ich sogleich dem Aufnahmepförtner und Dienst habenden Arzt vorgeführt wurde. Sie drängten mich niederzusetzen. Umringt von fünf Männern, die wohlwollend mit mir redeten, blieb ich abwesend. Erst als der Arzt versuchte, meine Schnabelspitze zu berühren, schnappte ich blitzschnell zu. Alle erschraken, zuckten zurück. Die Entscheidung war gefallen; ich wurde ins Haus 5, Aufnahme für aggressive und verwirrte Männer, verlegt. Der Krankenwagen fuhr uns zum Haus 5, ich stieg aus und wurde dort von 3 staunenden, mit weißen Gummihandschuhen bekleideten Pflegern erwartet. Die Sanitäter reisten ab. Umzingelt von 3 kräftigen Pflegern, einem beleidigten Arzt und einem allwissenden Pförtner wurde ich mit Nachdruck gebeten, auf dem angezeigten Bett Platz zu nehmen. Die Pfleger bezogen Stellung, um mir auf Weisung des Arztes die Schnabelmaske abzunehmen. Ich zog mich zusammen und verkrampfe. Nun wurde ich von 4 Männern rücklings aufs Bett gepresst, meine Hände, Beine und Brust wurden mittels Gurten "mechanisch" fixiert. Ich hielt meine hohe Körperspannung, Der Arzt gab mir eine Beruhigungsspritze.

Langsam löste ich meine Verkrampfung und ich ließ mir den Blutdruck, 140 zu 80 messen, Puls normal. Vier Männer hielten mich zusätzlich zu der mechanischen Fixierung fest, einer zog mir langsam den Schnabel vom Kopf. Tränen standen in meinen Augen, mein Mund war rot verschmiert, Nase und Oberlippe grün geschminkt. Der Pelikan war weg, doch "Hamlet" ist noch da. Der Arzt, der mich gespritzt und enttarnt hatte, fragte mich nochmals wer ich sei, doch ich gab keine Antwort, aus Wut auf diesen Menschen, diesen "blut'gen, kupplerischen Buben" - "Fühlloser, falscher, geiler, schnöder Bube". Erst nach ein paar Stunden gefesselten Schlafs benutze ich meine Stimme und erzähle dem nächsten Pfleger, der mich fragte, dass ich "Hamlet" heiße, aus "Dänemark" stamme und in "Helsingör" wohne; ich sei der Sohn eines Königs und Thronfolger; ich hielt den Monolog Hamlets, meinen Monolog aus dem Abschlussstück zwei mal, denn sicher ist sicher. Jetzt war mein Stück abgeschlossen, das Stück, dass ich auch auf Denis' Geburtstagsfest spielen wollte. Ich schlüpfe aus meiner Rolle "Pelikan Hamlet" und gab dem Pfleger meine Personalien und den Grund meines Handelns zu Protokoll. Nach mehrmaligem Bitten wurde mir eine Handfessel gelöst, sodass ich selbstständig trinken konnte. Eine Stunde später wurden mir alle Fesseln gelöst und ich durfte zur Toilette, eine offene Tür in einem großen Baderaum, in dem Männer sich duschten, andere wurden gebadet, wieder andere saßen nur da, rauchten und schauten zu. Es ist Samstag. Badetag.

Nach einem einfachen Frühstück im Bett erhielt ich die Erlaubnis, mich zu duschen, sowie frische Kleidung: T-Shirt, Unterhose, Jogginghose und braune Hausschuhe, Größe 41. Ich war ja nackt unter meinem Kittel. Bis um 10 Uhr durfte ich mich dann frei auf der Station bewegen, zeichnete ein Bild und erzählte dann dem Arzt bei der Visite meine Geschichte: "Ich bin Bildhauer und Performancekünstler und versuche dies miteinander zu verknüpfen. Ich war in meiner Rolle unterwegs und habe versucht, die Impulse, die von außen kamen, aufzunehmen, bei mir zu sein in der Figur, konzentriert und neugierig auf das, was da kommt. Ich hab ihm auch von meiner Arbeit beim Sozialpsychiatrischen Dienst erzählt, vom ambulanten Kunstprojekt und von meinem Studium an der Theaterschule in Ulm. Dieser Arzt war sehr verständig, er meinte, ich könne gehen, wenn ich wolle, er hätte aber gern, dass ich noch einen Tag zur Beobachtung auf seine Station verlegt werde. Ja, ich bin dann von 2 Pflegern begleitet auf meine neue Station, Haus 12/3a, gebracht worden, in ein 3-Bettzimmer, dass per Monitor überwacht wird. Hier durfte ich mich frei bewegen, hab geschlafen, viel geträumt. Nachmittags war dann die Lisa für eine Stunde da, wir sind zusammen raus, spazieren und ich hab ihr alles erzählt, was vorgefallen war. Die Freunde der Ateliergemeinschaft hatten sich anscheinend große Sorgen gemacht, haben mich überall in den Isarauen gesucht. Mittlerweile ist es 21 Uhr, Deutschland hat verdient 3 zu 2 gewonnen und hier in der Psychiatrie gehen langsam die Lichter aus.

Jetzt ist es Sonntag Abend, ich wurde heute Vormittag nach dem Frühstück, einem Gespräch mit dem Arzt und einem abschließenden Photo mit folgendem Arztbrief entlassen:

DIAGNOSE : Zustand nach künstlerische Manifestation
ENTLASSUNGSZUSTAND : wieder realitätsbezogen
THERAPIEVORSCHLAG : weiter so

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